Gwendollyn und die Diebe 
Teil I: Gwendollyn wird gestohlen 

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy, 10.Folge

von McDietmar 

Dieses Mal: Gefahr für Gwendollyn

Stille vor dem Sturm 

Es war wieder ruhig  geworden in dem kleinen schottischen Dorf. Sylvie ging ihrer Arbeit in der Buchhaltung der kleinen Weberei nach, und abends kümmerte sie sich um Gwendollyn und Gwenfair. Gwenfair machte ihr etwas Sorge, weil er sich erst einen Nagel in den linken Hinterhuf getreten hatte, und sie nun täglich den einbandagierten Huf mit einer Desinfektionslösung angießen mußte. Aber er lahmte immerhin nicht mehr und konnte schon wieder zusammen mit Gwendollyn auf die riesigen Koppeln.

Gwendollyn war berühmt geworden! 

Durch die Vorstellungen im Zirkus war Gwendollyn richtig bekannt geworden, und nun kamen vor allem am Wochenende immer wieder Besucher aus dem Dorf, die einen Blick auf das merkwürdige Shetlandpony mit den besonderen Fähigkeiten werfen wollten. So war Gwendollyn eine kleine Berühmtheit geworden, sogar über das Dorf hinaus. Aber -wie sich bald herausstellen sollte- bedeutete diese Berühmtheit nicht nur, daß Gwendollyn reichlich gelbe Rüben und Äpfeln von den Besuchern bekam, bei den genügsamen Shetlandponys bereitet allein dies schon Silvy genug Sorgen, denn zu viel Futter ist auch bei Pferden nicht gesund, sondern gerade diese Berühmtheit führte zu einer regelrechten Katastrophe! 

Ein ruhiger Abend: Versorgen von Gwenfair

Der Tag, an dem die Katastrophe über Hampwylln Court, Silvy und den alten Knecht und vor allem über Gwendollyn und Gwenfair hereinbrach, fing an wie jeder Wochentag. Morgens hatte Silvy die Pferde versorgt, war dann auf ihrem alten Fahrrad zur Weberei gefahren, während der Knecht tagsüber die tausend Kleinigkeiten erledigte, die immer noch auf dem einst stolzen Hof notwendig waren. Abends kam Silvy zurück, arbeitete erst mit Gwendollyn, goß wieder etwas Desinfektionslösung an den immer noch warmen Huf von Gwenfair. 

Ein einfaches Abendessen hatte der alte Knecht vorbereitet, und so aßen sie noch etwas Lammfleisch aus der Pfanne mit selbstgemachter Pfefferminzsoße, ein wenig Bohnen und Kartoffeln. Fast das ganze Land rings um Hampwylln Court war an Bauern der Umgebung nach dem verheerenden Brand verpachtet worden, aber es waren immer noch genug Wiesen für die Ponys geblieben, und auch der alte Obstgarten mit dem Gemüsegarten war nicht verpachtet worden. Und so konnten sich die beiden ganz gut aus dem was dort wuchs selbst versorgen.

Doch -während Silvy und der alte Knecht drinnen noch die anstehenden Arbeiten besprachen- braute sich draußen Unheil zusammen. 

Wo sind die Ponys?

Ein greller Blitz erleuchtete das Zimmer, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner. Wild rüttelten plötzliche Windböen an den Fenstern. 

Sollen wir nicht doch noch mal nach den Pferden schauen?" fragte Silvy  unruhig den alten Knecht. Schon war sie in den alten Waxmantel geschlüpft, hatte die Taschenlampe in der Hand und schlüpfte nach draußen.

Stockfinster war es, es regnete in Strömen, und zwischendurch erhellten Blitze die sturmgepeitschte Landschaft. 

Am Offenstall angekommen wunderte sie sich schon, daß Gwendollyn ihr nicht das vertraute Wiehern entgegensandte. Und tatsächlich: trotz des heftigen Sturms war keins der Ponys im Stall! Silvy machte sich darüber aber keine Sorgen, denn sie wußte, daß Gwendollyn auch bei Gewitter gern auf der großen Koppel herumtollte, und Gwenfair ließ seine kleine Pferdefreundin ohnehin nie aus den Augen. Sie ging die paar Schritte, um auf der großen Koppel nach den Ponys zu sehen, war aber nun doch erstaunt, daß sie keins der beiden sehen konnte! Und als auch auf ihre lauten Pfiffe hin keins der beiden Ponys fröhlich angetrabt kam, begann sie sich ernstlich Sorgen zu machen. Denn schließlich genügte es sonst, wenn sie nur die Koppeln betrat, daß sofort die beiden angerannt kamen.

Die Ponys sind weg!

Voll Sorge vereinbarte sie mit dem alten Knecht, der inzwischen auch hinzugekommen war, daß sie einmal um die ganze Koppel herumgehen sollten. Und so kam es, daß mitten in der Nacht bei Blitz und Donner  Silvy links herum und der alte Knecht rechts herum um die Koppel gingen. 

Ich hab sie nirgends gesehen!" rief ihr der alte Knecht durch den Sturm zu, und auch Silvy hatte nirgends die Ponys gesehen. "Aber irgendwo müssen sie doch sein"! rief Silvy verzweifelt. "Weißt Du, "meinte der alte Knecht, "jetzt gehen wir nochmals gemeinsam um die Koppel herum." Und das taten sie dann auch. Sie kamen am sumpfigen Teil der Koppel vorbei, hinten am Wäldchen, und schließlich kamen sie dann auch zu der Straße, die von Hampwylln Court fortführte. 

Dort blieb der alte Knecht plötzlich stehen: "Hier sind die Koppelstangen kaputt!" rief er verstört aus. Denn erst vor kurzem hatte der alte Knecht alle Koppelstangen durchgesehen. Aber: an einer Stelle waren die beiden Koppelstangen, die untere und die obere weggerissen. "Gwendollyn macht doch keine Koppelstangen kaputt!" rief Silvy, und dachte daran, wie hoch Gwendollyn springen konnte, und daß sie ohnehin durch keine Koppelstange eingesperrt werden könnte. "Hast Du auch die Wagenspuren gesehen?" fragte sie den alten Knecht und zeigte auf tiefe Fahrspuren direkt an der Koppel, die in dem regennassen Boden gut zu sehen waren, und die direkt auf die schmale Straße zeigten, die vom Gut wegführte. 

Diebe!

Betroffen sah sie der alte Knecht an. "Ich glaube", sagte er mit sorgenvoller Stimme, "daß unsere Ponys gestohlen worden sind!" "Aber das kann doch nicht sein!" schluchzte Silvy auf. "Wer soll denn unsere Ponys stehlen wollen?" "Es gibt auch schlechte Menschen", meinte der alte Knecht, und sprach nicht aus, was ihm alles durch den Kopf ging. 

Ratlos standen die beiden vor der offenen Koppel. "Wir rufen jetzt bei der Polizei an!" sagte der alte Knecht, und schnell liefen Sie zum Telefon. Nein, man hatte dort nichts von gestohlenen Ponys gehört, aber man würde jemand vorbeischicken, um den Fall aufzunehmen. 

Tatsächlich kamen wenig später zwei Polizisten, die sich geduldig alles anhörten, Fotos von den wassergefüllten Reifenspuren machten, und sogar den Abstand der Spuren vermaßen. Und sie fanden sogar ein großes rotes Plastikteil mit ein paar Glassplittern. "Das sieht ganz nach einem Schlußlicht aus, das hilft uns nun doch ein bißchen, denn immerhin müssen wir nun nur noch nach einem Transporter mit einem kaputten Schlußlicht auf der rechten Seite Ausschau halten" meinte einer der Polizisten. "Ich glaube daß sich eins der Pferde beim Verladen heftig gewehrt hat!" Silvy mußte unter Tränen fast lachen, denn sie konnte sich gut vorstellen, wie Gwendollyn mit einem zielsicheren Tritt das Rücklicht zertrümmert hatte.

Die Ponys für immer weg?

Und immerhin wissen wir nun auch aus den Reifenspuren, daß es ein Transporter ohne Anhänger war. Aber", meinten sie dann, "davon gibt es tausende..." 

Wann können wir unsere Ponys wiederbekommen?" fragte Silvy mit Tränen in der Stimme. Die beiden Polizisten sahen sich betreten an. Dann meinte der eine: "Da will ich Ihnen lieber keine großen Hoffnungen machen, junge Frau. Jetzt werden immer wieder Pferde gestohlen, auch bei großen Gestüten, und man bekommt die Pferde so gut wie nie wieder zu sehen... Und kaputte Schlußlichter hat hier fast jeder Transporter..." 

Entsetzt blickte Silvy die beiden Polizisten an: "Soll das heißen, daß ich die beiden nie mehr wiedersehe?" 

Wir werden sofort den Fall an alle Kollegen im Umkreis weitergeben, da kann es schon sein, daß etwas auffällt. Und sehr weit können sie ja noch nicht sein!" Die Polizisten nahmen noch ein Foto der Ponys mit und verdrückten sich dann verlegen, denn daß eigentlich keine Chance bestand, die Ponys wiederzufinden, hatten sie sich nicht getraut den beiden direkt zu sagen. 

Der Abend war traurig. Weder der alte Knecht noch Silvy hatten Appetit. Niedergeschlagen waren beide ins Bett gegangen. Wie würde das ausgehen? Würden die Ponys wiedergefunden werden? Insgeheim hatte Silvy auch die Hoffnung, daß sich Gwendollyn selbst helfen könnte, wie schon so manches Mal...