Gwendollyn und Halloween

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy, 13.Folge

von McDietmar 

.Ende Oktober war es, die Tage wurden immer kürzer, die "helle Jahreszeit" war vorüber, und damit rückte auch für Hampwylnn Court
Samhuinn heran, oder, wie es heute meist genannt wird, Halloween.

Die Kindergärtnerin (siehe Gwendollyn No.9) des kleinen Dorfes hatte mit Silvy abgesprochen, daß sie am Nachmittag des letzten Oktobertages mit einer Gruppe Kindern vorbeikommen würde. Da Silvy an diesem Tag frei hatte, freute sie sich schon auf die muntere Abwechslung.

Silvy hatte für den traditionellen Apfelwettbewerb ein paar Holzzuber mit Wasser gefüllt. Oben schwammen dicht an dicht Äpfel. Zusätzlich hatte sie noch in jeden Zuber ein kleines Geldstück gelegt, als extra Belohnung. Silvy selbst mochte diesen Wettbewerb nicht besonders, weil man meist über und über naß wurde.

Außerdem hatte sie den ganzen Morgen Kuchen gebacken, und ein paar Süßigkeiten in dem kleinen Dorfladen gekauft.

Was ist Halloween?

Das alte keltische Fest Samhuinn am Übergang zwischen "heller" und "dunkler" Jahreszeit, der Nacht vom 31.Oktober zum 1.November, war zugleich das keltische Neujahrsfest. Es spielt vor allem in den heute noch keltisch beeinflußten Ländern Schottland und Irland eine große Rolle. Dieses Fest ist inzwischen längst weltweit bekannt unter dem Namen "Halloween", früher "All Hallow Even" (Deutsch: Allerheiligen). Halloween wiederum ist altenglischen Ursprungs aus christlicher Zeit, wo es soviel bedeutet wie das Fest der  "Geheiligten", eine Erinnerung an die in Frieden Verstorbenen.

Von Erwachsenen weniger beachtet, haben heute vor allem Kinder ihren Spaß daran. Und daß sie sich als Hexen, Geister und Vampire verkleiden geht auf den Glauben zurück, daß sich -nur- in dieser Nacht
Geister unter die Sterblichen mischen dürfen.

Der traditionelle Apfelwettbewerb ist ein traditioneller schottischer Wettbewerb zu Halloween. Ein Holzzuber wird halb mit Wasser gefüllt, und oben schwimmen Äpfel. Die Aufgabe besteht nun darin, nur mit dem Mund - also ohne die Hände zu benutzen- einen Apfel herauszuangeln. Zusätzlich konnte auch ein Geldstück am Boden liegen, in diesem Fall wurde als zusätzliche Erschwernis oben Mehl aufgestreut...

Die Kinder kommen!

Lautes Lachen und Sprechen kündigte schon von weitem die Kinder an, die übermütig den kleinen Ausflug nach Hampwylln Court genossen, ein Name, der den meisten immer noch Respekt einflößte. Natürlich hatten alle Kinder schon mal das  niedergebrannte Herrenhaus angesehen, und alle Kinder hatten schon von Gwendollyn gehört, oder auch das Pferd selbst schon mal gesehen (vergl. Gwendollyn No. Zirkus) Aber nur wenige waren direkt auf dem Gut von
Hampwylln Court gewesen, oder hatten die berühmte Gwendollyn gestreichelt, die sogar bei der Ausstattung des Kindergarten mitgeholfen haben soll.

So waren sie alle neugierig und tollten auf Silvy zu, die bald inmitten von einem Dutzend Kinder stand, und pausenlos die wilden Hexen- und Geisterkostüme bewundern und viele Fragen beantworten mußte. Einige hatten auch phantasievolle Jack-O-Lanterns mitgebracht, wie die ausgehöhlten großen Rüben mit einer Kerze innen und einem herausgeschnittenen Gesicht hier genannt werden.
In Schottland verwendet man an Halloween anstelle von ausgehöhlten Kürbissen die einheimischen großen weißen Rüben (engl: "turnip"), um damit Laternen mit wilden Fratzen zu bauen. Diese Laternen werden nach einer alten Sage "Jack O` Lantern" genannt.

Der Apfelwettbewerb

Jetzt kommt erst mal rein" sagte sie dann."Ihr seid sicher hungrig und durstig, und kalt ist es auch" Gemeinsam mit der Kindergärtnerin rannten die Kinder in die alte Gutsküche, die der alte Knecht eigens für diesen Anlaß geheizt hatte.

Dann wurde es etwas ruhiger, und die Kinder stürzten sich auf Kuchen und heißen Kakao, und die Kindergärtnerin genoß etwas alten schweren Portwein.

"So,"meinte die Kindergärtnerin nach einer Weile. "Silvy hat für Euch den Apfelwettbewerb hergerichtet. An die Arbeit!" und schon strömte die Horde Kinder voll Aufregung nach draußen, gefolgt von einer lachenden Kindergärtnerin und Silvy.

Der alte Knecht und Silvy hatten die Zuber mit den Äpfeln draußen unter ein Scheunendach gestellt, um sie ein wenig vor allzu großer Auskühlung zu schützen.

Die Ponys hatten alle Äpfel aufgefressen!

Doch da meldeten sich die Kinder laut "Da sind ja gar keine Äpfel drinnen!" Der alte Knecht lief schnell zu den Zubern. Und er staunte nicht schlecht: Er hatte selbst die Zuber am Morgen mit ausgesucht saftigen schönen Äpfeln gefüllt, und nun sah er nicht mal mehr einen Apfelschnitzel in den Zubern...

Silvy staunte ebenfalls über die leeren Zuber. Sie konnte sich nicht erklären, was da geschehen war, bis sie etwas versteckt zwei schuldbewußt aussehende, kugelrunde Ponys sah. "Ihr Schlingel!" rief sie nun zu Gwendollyn und Gwenfair. Und nun sah sie auch reichlich Apfelreste rings um die beiden Ponys. Sie machte sich ein wenig Sorgen, weil die Ponys doch viel mehr Äpfel genascht hatten, als sie sonst bekamen. "Am besten wäre jetzt Bewegung" meinte der alte Knecht, "dann bekommen sie sicher keine Kolik!". "Eine gute Idee!"rief Silvy. "Dann darf eben jeder von Euch, der will, eine Runde auf den Ponys reiten!"

Ponyreiten mit Gwendollyn und Gwenfair

Und so geschah es dann. Brav in einer Reihe stellten sich die Kinder auf. "Haltet Euch einfach gut an der Mähne fest," riet Silvy den Kindern noch. "Da könnt ihr den Pferden nicht weh tun, und ihr fallt nicht herunter!"
Das befolgten die Kinder gern. Und Gwendollyn und Gwenfair, geführt von Silvy und der Kindergärtnerin, trugen geduldig ein Kind nach dem anderen durch den Hof.

Es wollten nicht alle Kinder reiten, vor allem die Buben fanden das Umhertollen auf dem großen Hof viel lustiger. Und weil sie doch alle gruselig verkleidet waren, spielten sie lustiges Geisterfangen und  Verstecken. Ausdrücklich war ihnen aber gesagt worden, im Hof zu bleiben, und sich auch von dem alten Herrenhaus fern zu halten. Denn das war nach der Brandkatastrophe nie wieder richtig aufgebaut worden, und manche Gebäudeteile waren inzwischen verfallen.

Silvy hatte sich von dem alten Knecht ablösen lassen, um die Süßigkeiten für die Kinder herzurichten, und auch um nach dem Bannock-Kuchen, dem traditionellen Kuchen an Halloween zu sehen, den sie für später vorgesehen hatte.

Aufregung:
Gwendollyn läuft davon!

Plötzlich hörte sie lautes Schreien von draußen, und auch der alte Knecht rief immer wieder "Halt, halt!" Rasch sah Silvy nach draußen. Entsetzt sah sie Gwendollyn mit einem Kind auf dem Rücken quer über den großen Hof zum alten Herrenhaus hin traben.

Der alte Knecht keuchte angestrengt hinterher und rief immer wieder "Halt, halt, Gwendollyn!"

Das kleine Mädchen auf Gwendollyn konnte die Aufregung nicht verstehen, glücklich hielt sie sich an der Mähne fest und genoß den unerwarteten Trab.

Schnell lief Silvy nach draußen, aber obwohl sie gut laufen konnte, war das Pony natürlich noch viel schneller.

Gwendollyn läuft ins alte Herrenhaus

Was machte Gwendollyn nun? Sie lief furchtlos direkt ins Herrenhaus hinein, und
war schon nicht mehr zu sehen.

Inzwischen war auch der alte Knecht am Herrenhaus angekommen. Gemeinsam mit ihm ging Silvy vorsichtig in das halbverfallene Gebäude. "Hier höre ich Gwendollyn schnauben!" rief sie zu dem alten Knecht hin. Der kletterte ihr mühsam über heruntergefallene Balken nach.

Was sah Silvy nun! Gwendollyn stand vor einem dicken Balken, das kleine Mädchen hatte sich fest an die Mähne geklammert, und strahlte immer noch
glücklich, obgleich sie ein bißchen alten Ruß abbekommen hatte und nun in ihrem Hexenkostüm noch echter aussah...

Ein Zauberer wird gerettet

Fast mußte Silvy lachen, aber Gwendollyn schnaubte aufgeregt und Silvy schaute angestrengt ins Halbdunkel unter dem Balken. Da sah sie etwas schwarzes sich bewegen, und dann deutlich "So ein Mist!" von einer Kinderstimme sagen. Und:
"Kann mir endlich jemand hier raushelfen?"

Vereint konnten sie sogar den schweren Balken ein wenig bewegen. Ein arg ramponierter Zauberer mit schwarz verschmiertem Gesicht kam zum Vorschein.
"Plötzlich rutschte der blöde Balken ein Stück!" erklärte er. Und er verdrückte ein paar Tränen. "und da konnte ich mich nicht mehr rühren. Ich rufe ja schon die ganze Zeit, aber niemand hat mich gehört!"

Gwendollyn hat Dich doch gehört!" rief Silvy und strich Gwendollyn zärtlich über den Kopf, was sich das Pony mit einem behaglichen Schnauben gefallen ließ.

Inzwischen war die Kindergärtnerin angekommen, und als sie den verdreckten
Jungen sah, schrie sie vor Entsetzen auf und nahm ihn gleich in die Arme.
Wie sich dann glücklicherweise herausstellte, hatte er außer ein paar Schrammen nichts abbekommen. Allerdings war der kleine Zauberer sichtlich schwärzer geworden.
Die Kindergärtnerin, machte sich heftige Vorwürfe, aber Silvy unterbrach sie und schlug vor, nun ins Haus zu gehen, um den Bannock - Kuchen zu probieren. "Und außerdem", meinte sie, "ist ja nichts ernstes passiert."

Gwendollyn war inzwischen nach draußen gelaufen, und kehrte, als sei nichts gewesen, zurück in den Hof, um weiter Runden mit dem kleinen Mädchen auf  ihrem Rücken zu drehen.

Alle lassen sich den Bannock Kuchen schmecken

Die konnte ihr Glück fast nicht fassen, denn sie war bestimmt dreimal länger als jeder andere auf der berühmten Gwendollyn geritten!

Und weil aber einige Mädchen noch nicht geritten waren, drehten Gwendollyn und Gwenfair noch einige weitere Runden, bis schließlich alle Kinder wenigstens einmal auf einem der Ponys gesessen waren.

Erst danach konnten alle den Kuchen genießen mit dem heißen Kakao, und die Kindergärtnerin trank mit Erleichterung einen großes mit Portwein gefülltes Glas aus. Sie war immer noch etwas weiß im Gesicht, und dachte mit Schrecken daran, was alles hätte passieren können.

Silvy ist ein wenig abergläubisch

Da es um diese Jahreszeit früh dunkel wurde, mußten die Kinder den Heimweg antreten.

Die Kinder bedankten sich noch artig, und die Kindergärtnerin fiel Silvy fast um den Hals, so erleichtert war sie. Zugleich versprach sie mit einem roßen Sack gelber Rüben wiederzukommen, was sie auch ein paar Tage später tat.

Silvy räumte erst mal auf, und ging dann zu den Ponys. "Das hätte heute schlimm ausgehen können," meinte sie zu Gwendollyn, und kraulte sie am Hals. "Und wenn Du nicht den Kleinen gehört hättest, hätten wir ihn vielleicht erst viel später gefunden! Ich will gar nicht daran denken, was da alles hätte passieren können." Und sie sah wieder in Gwendollyns Augen das seltsame Funkeln, das da eigentlich gar nicht sein konnte. Zurück im Haus aßen sie noch ein wenig vom Bannock - Kuchen, und sie genehmigte sich auch ein kleines Gläschen Portwein, während der alte  Knecht genießerisch einen großen Schluck Whisky nahm.

Aber dann, als der alte Knecht längst im Bett war, probierte Silvy heimlich einen alten Brauch, wie er noch heute von unverheirateten Frauen in Schottland an Halloween ausprobiert wird. Sie suchte einen besonders schönen Apfel aus, setzte sich vor den Spiegel, und begann nun mit größter Vorsicht, den Apfel zu schälen, und zwar so, daß sie schließlich die Schale in einem einzigen Stück in den Händen hielt. Denn wann man nun in den Spiegel schaute, -so verspricht es dieser alte Brauch- dann sieht man den Bräutigam, den man im nächsten Jahr kennenlernen würde. Aber -natürlich- sah Silvy nur sich selbst im Spiegel...

Der Bannock Kuchen, oder wie er auch genannt wird, Dundee Kuchen, wird in Schottland gern zu Feiern gegessen, außerdem soll er auch einen Hinweis auf unverheirateten Frauen helfen ihren Bräutigam zu finden.

Zutaten:
* 2/3 Tassen Butter
* 2/3 Tassen Zucker
* 4 Eier
* 1 Eßlöffel gehäuft mit gemahlenen Mandeln
* 1 Tasse kernlose Rosinen
* 1 Tasse Johannisbeeren
* 1 Tasse gehacktes Orangeat und Citronat
* 2 Eßlöffel Milch mit einem Eßlöffel Zucker aufgekocht
* 1 Tasse halbierte Cocktailkirschen
* 1/2 frische Zitrone, sowohl Saft als auch Schale
* 2 Tassen Mehl, in gleiche Drittel geteilt
* 1 Teelöffel Backpulver
* 1 Eßlöffel Weinbrand oder Rum
* 25 g grob gehackte Mandeln
* Prise Salz

Vorbereitung:
Ofen auf ca. 110 - 120 ° C vorheizen. Eine runde Form einfetten.
Zubereitung:
Schale, Kirschen, Rosinen und Johannisbeeren in eine ofenfeste Schale geben. Gründlich durchmischen, zudecken, und ungefähr 20 Minuten backen (so lange bis alles klebrig ist und durchgewärmt ist), wenigstens einmal mit einer Gabel umrühren. Aus dem Ofen nehmen und Ofen auf 150 ° C einstellen. Früchtemischung vollständig auskühlen lassen. In der Zwischenzeit Butter mit Zucker verrühren bis die Masse weiß und cremig ist. Nun ein Ei und 1/3 des Mehls zugeben und gut durchmischen. Zweites Ei zugeben und ein weiteres Drittel des Mehls zugeben. Nun die gemahlenen Mandeln, gebackenen Früchte, Schalen, Zitronensaft und -schale mit der Prise Salz zugeben. Nun das Backpulver mit dem restlichen Mehl vermengen und dazu geben. Weinbrand oder Rum hineinrühren. Gleichmäßig in der Form verteilen. Mit Alufolie zudecken und etwa 2-1/2 Stunden backen. Nach der halben Garzeit Folie entfernen, oben gehackte Mandeln darüber streuen. Mit Zahnstocher prüfen ob fertiggebacken. Sobald er gar ist gezuckerte Milch aufstreichen  und nochmals in den Ofen geben bis die Milch trocken aussieht. Kuchen aus der Form nehmen, sobald er ganz ausgekühlt ist.