Gwendollyn verhindert eine Katastrophe

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy, 14.Folge

von McDietmar 

Silvy hatte sich angewöhnt, so oft es ging Gwendollyn und Gwenfair einzuspannen und mit der alten Gig, die gerade Platz für sie und den alten Knecht bot, kleine Ausflüge zu unternehmen. Die Gig war irgendwo übriggeblieben, und der Dorfschmied hatte ihn auf Ponygröße angepaßt. Jetzt saß man zwar ein bißchen weit oben, aber dafür war er wegen der großen Räder und den Blattfedern recht komfortabel.

Wenn es kalt war, hatte der alte Knecht eine antike silberne flache Reiseflasche dabei, gefüllt mit etwas altem Malzwhisky. Regelmäßig bot er Silvy davon an, die regelmäßig ablehnte und  stattdessen ihre alte Thermosflasche mit heißem Tee hervorholte.

Auf zum Fußballspiel!

Und ab und zu machten sie gemütlich halt und ließen die Ponys das Gras am Wegrand fressen. Oder sie gaben ihnen ein paar saftige Falläpfel aus dem großen Obstgarten von Hampwylln Court, die sie in einem fest angebundenen Weidenkorb dabei hatten. Dabei ließen sie abwechselnd das eine und das andere Pony ziehen, um keines der beiden zu stark zu belasten. Ein Pony lief dann einfach nebenher, manchmal an einem Führstrick, aber manchmal auch völlig frei. Denn die Sorge, daß eines weglaufen würde, hatten sie nie.

Es war an einem herbstschönen Sonntag, als sie zum nahen Dorf fuhren, um sich das Fußballspiel gegen die Mannschaft des Nachbardorfs anzusehen. Vor allem der alte Knecht sah sich gern die Spiele der beiden großen schottischen Mannschaften von Edinburg und Glasgow im Fernsehen an, und daher wollte er sich das kleine Lokalderby nicht entgehen lassen.

Silvy machte sich weniger aus Fußball, aber sie fand es eine schöne Gelegenheit, mit den beiden Ponys auszufahren, und sie wollte auch mal die selten genutzte  Tandemanspannung versuchen. Bei der Tandemanspannung werden zwei Pferde hintereinander eingespannt; ein Pferde läuft in der Gabel der Kutsche, das andere ist mit der Kutsche durch eine Anspannung verbunden. Diese Art des Fahrens mit einer Kutsche gilt als schwierig, weil das vordere Pferd sich völlig frei bewegen kann.

Natürlich hatte sie Gwendollyn vorne eingespannt, weil Gwendollyn so unglaublich sicher war, und manchmal direkt mitzudenken schien.

Munter trabten die beiden Ponys los, Silvy hielt ruhig die Zügeln und der alte Knecht saß daneben und genoß das Nichtstun. Die ruhige baumlose Landschaft
erinnerte an alte Ölgemälde, und aus der Ferne hörten sie einen einsamen Dudelsack eine alte, etwas melancholische Weise spielen.

Doch, kaum kamen sie an den kleinen Hügel, der die eigentliche Grenze zum Dorf hin bildete, da hörten sie schon die lauten Rufe der Fußballfans.

Von der hohen Gig: Beste Aussicht auf das Spiel

Näher gekommen sahen sie, daß sich vor dem einfachen Fußballfeld -zwei Tore aus weiß gestrichenen Balken auf einer trockenen Wiese mit ein paar frischen Sägemehlmarkierungen auf dem Boden- eine dichte Menschentraube gebildete hatte. "Warum bleiben wir nicht einfach sitzen?" meinte Silvy. "Hier sitzen wir wie auf einem Balkon und sehen alles bestens!" Der alte Knecht fand diese Idee hervorragend, und nachdem Silvy an eine passende Stelle gefahren war, warf  Silvy den Ponys aus ihrem Weidenkorb ein bißchen Heu mit ein paar Äpfeln hin. Die beiden Ponys machten sich sofort darüber her, und kümmerten sich nicht weiter um Leute und Fußball.

Gwendollyn geht durch! 

Gespannt verfolgten die Dorfeinwohner das Spiel, und auch Silvy und der alte Knecht waren ganz auf Pässe, Freistöße, Eckbälle und natürlich - Tore- der Fußballer konzentriert. Mit voller Lautstärke feuerten die Fans ihre Mannschaften an.

Niemand fiel auf, daß Gwendollyn plötzlich ruckartig den Kopf hob, und dann wie erstarrt zu lauschen schien. Und die sonst so ruhige und ausgeglichene Gwendollyn verfiel in ungewohnte Nervosität.
Sie scharrte mit ihren Hufen, schnaubte, schüttelte wild ihren Kopf mit der langen Mähne und peitschte mit ihrem buschigen Schweif hin und her. Als sie immer noch niemand beachtete, ging sie plötzlich los, direkt auf die  Menschen am Fußballfeld zu.

Silvy griff erschrocken nach den Zügeln, die ihr aber Gwendollyn mit ungewohnter Stärke aus der Hand riß.

Vorsicht! Vorsicht!" schrie sie, um die Leute vor ihr vor dem durchgehenden Pony zu warnen.

Die Zuschauer -ganz auf das Fußballgeschehen  konzentriert- brauchten eine Weile um zu reagieren, aber dann stoben sie entsetzt auseinander. Gwendollyn riß die Gig mit sich -Gwenfair lief ohnehin einfach Gwendollyn nach- und ging in einem merkwürdigen Zickzack mitten durch die Menge, die entsetzt in alle Richtungen davonlief. Erst mitten im Fußballfeld kam der Sulky zu stehen. Einen Moment war betroffene Stille, und Silvy schämte sich entsetzlich für ihr Pony und sprang herab, um  Gwendollyn wieder zurück zu führen.

Fast passiert ein schreckliches Unglück!

Da hörten alle ein durchdringendes Pfeifen, das schnell näher kam. Die schon geschockten Zuschauer blieben nun  verängstigt stehen. Noch lauter wurde das Pfeifen, fast unerträglich, und viele hielten sich die Ohren zu, bis plötzlich das Pfeifen in einem gewaltigen Knall endete und gleichzeitig der Boden wie bei einem Erdbeben schwankte.

Durchdringende Stille folgte, nur unterbrochen vom Schluchzen einiger Kinder. Doch dann folgte ein großer Tumult. Verängstigt schrieen Kinder, die ihre Eltern suchten und umgekehrt riefen verzweifelte Mütter nach ihren Söhnen und Töchtern.

 

Viele irrten ziellos umher, und fielen dabei fast vor Schreck in einen großen Krater, der an der Stelle war, wo noch vor kurzem viele Menschen gestanden waren, bevor Gwendollyn ihren Zickzackkurs begonnen hatte.

Rauchschwaden stiegen auf, ein Geruch nach Verbranntem hing in der Luft. Ein schwarzverkohltes Aluminiumteil ragte aus dem Loch.

Es dauerte eine ganze Weile bis man festgestellt hatte, daß niemand -außer ein paar harmlosen  Abschürfungen- verletzt worden war, und eigentlich der ganze Schaden in dem großen Loch am Rande des Fußballfeldes bestand. Naja, und dem Schaden, den die beiden Ponys auf dem Fußballfeld angerichtet hatten.

Denn Gwendollyn und Gwenfair waren inzwischen längst wieder ganz ruhig, und ließen sich den gut gepflegten Rasen des Fußballfeldes schmecken.

Gwendollyn hatte vielen Menschen das Leben gerettet!

So wie es aussah, hatte Gwendollyn das Herannahen des Aluminiumteils, das sicher von einem Flugzeug stammte, schon sehr früh gehört und hatte mit ihrem Zickzackkurs die Menschen von dort verjagt, wo wenig später das Flugzeugteil herabstürzte.

Als dann einer rief "die Ponys haben uns das Leben gerettet!" da war kein Halten mehr. Alle liefen hin zu den beiden Ponys, die begeistert die angebotenen Äpfel und Brotstückchen fraßen, bis Silvy voll Sorge um die empfindlichen Pferdemägen darum bat nicht mehr zu füttern.

Alle blieben noch eine Weile, genossen das Bierfaß mit "Bitter", das für die Siegesfeier vorgesehen war, und besprachen noch lange ihre Rettung durch Gwendollyn.

Silvy und der alte Knecht fuhren früh nach Hause. Und dort -nachdem Silvy die Ponys ausgespannt hatte- sah sie in die vertrauten Augen von Gwendollyn, wo sie das seltsame Funkeln wieder sah. "Weißt Du, daß Du heute vielen vielen Menschen das Leben gerettet hast? Du bist das tollste Pony der Welt!"

Und Silvy verdrückte ein paar Tränen. Gwendollyn schnaubte leise und stupste sie mit ihrer weichen Nüstern an. "Nein nein, Äpfel bekommst Du heute keine mehr," lachte sie. "Du hast heute schon genug bekommen, und zu viele könnten Dir nicht gut bekommen!"

Und dann ging sie ins Haus, wo sie mit dem alten Knecht genüßlich etwas von dem Bannock - Kuchen aß, den sie zu Halloween gebacken hatte, und den man in einer Blechdose gut aufbewahren konnte. (Rezept siehe No.13)

Nachricht aus der Tageszeitung "Daldranoch News" einen Tag später:

(Eigener Bericht) "Wie wir in Erfahrung bringen konnten, hatte das Flugzeug vom Typ 817 der Fluggesellschaft Western World Airways auf dem Flug nach Washington einen Teil seiner Fahrwerksverkleidung verloren. Dies fiel erst nach der Landung in Washington auf, als das Flugzeug für den Rückflug gewartet wurde. Das Fahrwerksteil war inmitten eines Fußballspiels am Rande eines kleinen Dorfs in den schottischen Highlands gestürzt. Wie durch ein Wunder ist trotz der dortigen zahlreichen Besucher niemand verletzt worden."