Gwendollyn im Moor (I)

Silvy versinkt!

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy, 15.Folge

von McDietmar  

Nicht weit von Hampwylln Court gab es ein düsteres Hochmoor, über das manchmal abends im Pub Schauergeschichten erzählt wurden: Von Menschen, die sich dort verlaufen hatten und nie wieder auftauchten, von schauerlichem Geheul, das man nachts hören konnte, und von seltsamen Wesen, die dort ihr Unheil trieben. Aber so ein Moor hatte auch einen großen Vorteil: man konnte dort Torf stechen, trocknen, und konnte den Torf dann hervorragend als Brennmaterial nutzen. Sobald man allerdings preiswert Kohle kaufen konnte, wurde immer weniger Torf gestochen. Fast wäre das Torfstechen in Vergessenheit geraten, wenn nicht die zahlreichen Whiskybrennereien angefangen hätten, für guten trockenen Torf  ordentlich zu zahlen. Der schottische Whisky bekommt nämlich seinen besonderen Geschmack erst dadurch, daß Gerstenmalz langsam über Torffeuer gedörrt wird. 
Und weil das Moor zu Hampwylln Court gehörte, hatte der  alte Knecht im Sommer mit dem Spaten Torf gestochen, und Silvy hatte die schweren nassen Torffladen zum Trocknen in dem kleinen Schuppen daneben  aufgestapelt. In dem Schuppen war früher Whisky gebrannt worden, und die alte Destillationsanlage war nur auf die Seite geräumt worden, um Platz für den Torf zu schaffen.     

Nun, an einem Septembersamstag, beschlossen Silvy und der alte Knecht den getrockneten Torf zu holen, den sie dann an eine nahe Whiskybrennerei  weiterverkaufen wollten.  
Sie hängten den Pferdeanhänger an den klapprigen Bedford, und der alte Knecht fuhr schon mal über die holprigen Feldwege die wenigen Meilen zum Moor. Silvy spannte die Ponys in die Gig und fuhr nach, und zwar in Tandemanspannung, wie sie es schon mal versucht hatte. Munter und mit gespitzten Ohren trabte Gwendollyn voraus, während Gwenfair gelassen hinterher lief.

Als Silvy am Moor angekommen war, sah sie, daß der alte Knecht schon begonnen hatte, die Torfbriketts einzuladen. Sie spannte die beiden Ponys aus, führte sie an dem Bedford vorbei ein Stückchen weiter und ließ sie dann einfach frei herumlaufen. Der Weg hörte da nämlich auf, und den Rückweg versperrte sie mit ein paar alten Brettern, die sie im Schuppen fand.

Die Ponys machten sich begeistert über die harten Moorgräser her, und zeigten keinerlei Anstalten vorzeitig nachhause zu laufen.

Silvy wußte wie zuverlässig die Instinkte von Gwendollyn waren, und machte sich keine Sorgen, daß den Ponys hier, am Rand des Moores, irgend etwas passieren konnte. Sie bemerkte auch, daß der alte Steg, über den sie als Kind oft zu der kleinen Moorinsel gelaufen war, noch stand und nahm sich vor, nach der Arbeit von dort den Sonnenuntergang zu genießen.  

So half nun Silvy beruhigt dem alten Knecht beim Aufladen der Torffladen. Es dauerte fast zwei Stunden, bis der Bedford und der Pferdeanhänger voll geladen waren, und sich die beiden über das mitgebrachte Picknick hermachen konnten. Es gab Sandwiches mit Lammschinken und dazu ein wenig von der selbstgepflückten frischen Brunnenkresse. Dazu aßen sie noch ein wenig von dem köstlichen Schafskäse, der von den einheimischen Schwarzgesichtschafen stammte.

Die Black Face Sheep (Schwarzgesichtschafe) sind eine alte schottische Haustierrasse. Diese Schafe haben tatsächlich einen schwarzen Kopf und sind ansonsten weiß.

Sie beschlossen, daß nun der alte Knecht gleich zur Whiskybrennerei weiterfahren sollte. Silvy wollte, bevor sie wieder die beiden Ponys für die Heimfahrt einfing, noch einmal zur Moorinsel gehen.

So geschah es auch. Der alte Knecht hatte zwar Mühe mit dem voll beladenen Bedford den Anhänger über den weichen Weg zu ziehen, schaffte es aber schließlich doch.  Silvy schaute ihm nach, bis er mit dem Anhänger hinter ein paar Birken verschwunden war.

Mit ein paar Schritten war sie am Anfang des Stegs. Sie vergewisserte sich noch, daß die Ponys ruhig grasten, dann prüfte sie entschlossen den alten Steg, der hier einen recht soliden Eindruck machte.  

Trotzdem balancierte sie vorsichtig den schmalen Steg entlang,  denn schließlich war es viele Jahre her, seit zum letzten Mal hier gegangen war. Und damals, erinnerte sie sich, war sie viel zierlicher und sicherlich auch leichter gewesen...

Weiter und weiter wagte sie sich auf den Steg, bis schließlich kurz vor der Insel der Steg über einen breiten schwarzmoorigen Tümpel führte. Zwei Bretter bildeten hier den Steg, wobei nun Silvy vorsichtig dasjenige der Bretter betrat, das ihr den stabileren Eindruck machte. Sie kam auch gut über diese Stelle hinweg, obwohl der Steg gefährlich knackte. Erst jetzt, mitten im Moor, fiel Silvy auf, wie sehr sie nun allein mit der Natur war. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen hinter den niedrigen Anhöhen hervor, ein leichter Wind wehte, und dünne Nebelschwaden zogen vorbei. In der Nähe war nur das Summen einiger Bienen zu hören, und dazu hörte sie den  lauten knackenden Ruf der schottischen Moorhühner. Der wilde herbstlichen Duft der Disteln stieg ihr in die Nase. Ein paar Zeilen eines Gedichtes, an ein Mädchen aus dem schottischem Hochland, fielen ihr ein:

Welch glückliches Vergnügen! hier zu wohnen,

neben Dir in einem kleinen grasigen Tal.

Deine heimelige Art anzunehmen,

Du die Schäferin und ich der Schäfer! 

Silvy mußte zwar schmunzeln, wenn sie an die schwere einsame Arbeit der Schäfer dachte, dennoch gefielen ihr diese Zeilen von William Wordsworth besonders gut.  

William Wordsworth, 1779 bis 1850, Begründer der romantischen Lyrik in England  schrieb dieses Gedicht. Quelle: DuMonts Reise- und Kulturführer Schottland 1980, Übersetzung der Autor

Es wurde immer dunkler, und schließlich machte sich Silvy auf den Rückweg. Doch  gleich zu Beginn, dort, wo der Steg über den breiten Tümpel führte, und schon auf dem Herweg gefährlich geknackt hatte, zerbrach ein Brett unter ihr mit einem lauten Knacken! Silvy sprang entsetzt auf das zweite Brett, das aber - durch und durch morsch – einfach ins Wasser fiel. Mit einem entsetzten Aufschrei rutschte Silvy in das schwarze trübe Moorwasser.

Sofort stand sie bis weit über den Knien im Wasser, und sie merkte, wie der Untergrund langsam weiter nachgab. Und der rettende feste Weg war unerreichbar weit weg, der Steg zerbrochen.

Schnell versuchte sie sich an alle Ratschläge zu erinnern, die sie über das Moor gehört hatte. Stattdessen fielen ihr ein paar grauslige Geschichten von jahrhundertealten Moorleichen ein, wie sie im Dorf gelegentlich erzählt wurden ...

Wie würde es weitergehen? Kann sich Silvy aus dem Moor retten? und was wird aus den Ponys?