Gwendollyn springt über den Zaun

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy
2.Folge von McDietmar

Gwendollyn rettet den Nachbarsjungen

Die neue Heimat für Silvy und Gwendollyn

Was bisher geschah:

Gwendollyn kommt nach Hampwylln Court und lernt Silyv kennen (1).

Nun war Hampwylln Court die neue Heimat von Gwendollyn und Silvy geworden. Schon in wenigen Tagen hatte sich ein fester Ablauf entwickelt:  Früh  morgens stand Silvy auf, sah nach Gwendollyn, brachte  altes  Brot  oder  gelbe Rüben und sah nach frischem Heu und Stroh. Viel war dabei nicht zu tun, da Gwendollyn ohnehin meist auf der großen Koppel herumtollte oder dort graste. Dann ging Silvy tagsüber  in  die  Spinnerei  zur Arbeit. Abends kam sie todmüde zurück, trank erst eine Tasse Tee (mit Milch und Zucker: natürlich erst Milch und danach den Tee!), zog sich ihre alten Jeans an und ging dann nach draußen, um nach Gwendollyn zu sehen. 

Gwendollyn und Silvy üben zusammen

Gwendollyn kam über die Koppel galoppiert,  um  sich  ihren Apfel abzuholen, denn abends gab es oft  einen Apfel oder einen anderen besonderen  Leckerbissen für die fuchsrote Shetland-Stute.  

Und dann kam der schönste Teil des Tages, wenn Silvy, oft gemeinsam mit dem alten Knecht Tom,  ein wenig mit Gwendollyn spielte. Tom hatte dazu ein kleines Stück der Koppel abgetrennt und ihr ein paar  alte  Zaunstangen  dazu gelegt. Und so kam es, daß nun jeden Abend Gwendollyn sich das wunderschöne  Leder-Stallhalfter, das  noch  von  der  früheren Besitzerin stammt, willig von Silvy überziehen ließ und sich dann brav durch Labyrinthe führen ließ, die auf dem Boden mit den Stangen ausgelegt waren. Und Silvy wurde hin und wieder ganz toll vor Glück, besonders wenn sie Gwendollyn in die Augen sah, in denen es manchmal geheimnisvoll funkelte.   

Gwendollyn ist weg!

Es  war  an  einem  Samstag Morgen, als Tom aufgeregt zu ihr kam, als sie gerade den Antrag für die Brachflächenzuschüsse ausfüllte. "Gwendollyn ist weg", keuchte er  "Komm,  wir müssen sie suchen!" Silvy ließ alles liegen und  flitzte noch vor Tom zu Tür hinaus und hinunter zur  Koppel.  Und tatsächlich,  weit und  breit war nichts von Gwendollyn zu sehen. Und so sehr sie auch nach ihr rief, Gwendollyn kam nicht wie sonst fröhlich herangesprungen.

Die Tore sind zu!

So schnell sie konnte, rannte sie um  die  Koppel  herum,  um  zu sehen, wo sie ausgebrochen war.  Aber weder Silvy noch Tom fanden ein  Loch  in dem hohen Koppelzaun, und das Tor war auch fest  geschlossen.  "Unmöglich",  sagt Tom, "daß sie da irgendwo hinüber  gesprungen  ist!"  Aber Gwendollyn war weg. Verzweifelt sahen sich Silvy und Tom an; sie wußten nicht, was sie nun tun sollten.

Man hört Wiehern!

Still!“ rief plötzlich Silvv, „ich  glaube, ich habe ein Wiehern gehört!" Und richtig, nun konnte man deutlich in der Ferne ein Pferd kräftig wiehern hören. "Das muß unten am Bach sein!", meinte der alte Knecht. 

Nun lief Silvy so schnell sie konnte los, denn  der Bach hatte eine kräftige Strömung  und konnte  einem  kleinen Pferd schon gefährlich werden. Das Pferdewiehern war lauter geworden, und nun war sich Silvy sicher, daß es Gwendollyn war, die nach  ihr  rief.  Mühsam kämpfte sie sich durch das dichte Unterholz bis zum Ufer des Baches, der an dieser Stelle besonders reißend war.

Der Nachbarsjunge liegt bewußtlos im Wasser!

Aber was sah sie da! Gwendollyn stand bis zum Hals im Wasser und hielt mit den  Zähnen den Nachbarsjungen  Marc fest,  der offensichtlich bewußtlos war. Sein Freund Fallwyl stand am Ufer und schluchzte laut.

Der Junge ist gerettet!

Silvy war eine gute Schwimmerin  und  sprang  ohne nachzudenken ins Wasser. Sie hielt sich mit einer Hand an den langen elastischen  Weideruten  fest,  die hier  überall  bis weit  ins  Wasser reichten  und versuchte  mit der anderen Hand den Jungen zu erreichen,  ohne  von  der  schnellen  Strömung fortgerissen zu werden.

«Wenn  Gwendollyn»,  so  dachte sie, «doch nur ein bißchen näher kommen könnte!» Sie wußte später nicht genau, wie sie es gemeinsam geschafft hatten, aber wenig später lag der Junge sicher auf dem trockenen Land. Und Silvy sah, daß er zwar flach,  aber gleichmäßig atmete, und sie konnte auch seinen Puls fühlen. "Lauf schnell und hol seine Eltern!" rief sie Fallwyl zu. Der war froh, daß er sich nun nützlich  machen  konnte  und  verschwand auf dem schmalen Pfad, der zu dem Nachbarsanwesen der McFayllans führte.

Wie ist Gwendollyn über den Zaun gekommen?

Marc, der inzwischen aus seiner Bewußtlosigkeit  erwacht  war, erzählte Silvy was passiert war. Die beiden  Jungen  hatten  am  Ufer gespielt, bis plötzlich Marc ausgerutscht und  ins Wasser gefallen war. Die starke Strömung hatte ihn sofort fortgerissen. Er hatte sofort um Hilfe gerufen, und eine Weile hatte er sich noch an einem Ast festhalten  können.  Dann  hatten ihn die Kräfte verlassen, und es war ihm  schwarz  vor  den  Augen geworden.

Silvy sah Gwendollyn in die funkelnden Augen, die sie amüsiert anzusehen schienen. "Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie du über den  Koppelzaun springen  konntest. Selbst ein großes Pferd hätte das nicht schaffen können, sagte mir Tom. Und wie konntest du  wiehern,  während  du  den Jungen mit den Zähnen gehalten hast?" Gwendollyn stupste sie mit ihren  Nüstern an und suchte sich dann einen Weg zurück.

Inzwischen  waren  die  Eltern gekommen und kümmerten sich, blaß vor Sorge, um ihren Sohn, der wieder wohlauf war und haargenau erzählte, wie alles passiert war. Die  Eltern  dankten  Silvy überschwenglich  und  luden  sie für Sonntag mit Tom zum Essen ein. Als sie wenig später wieder in ihrer kleinen Wohnung war, und alles Tom erzählte, meinte der alte Knecht nachdenklich: "Ich glaube, Gwendollyn ist ein ganz besonderes Pferd. Und es kommt direkt von den  Shetland  Inseln, wo vieles anders ist als hier: bestimmt werden wir  noch  manche  Überraschung mit ihr erleben."

Die Shetland Inseln

Da die Inseln im 7. und 8. Jahrhundert von Norwegen  aus besiedelt wurden, sind die Einwohner meist norwegischer Abstammung. In der urtümlich und unwirtlichen Umgebung haben sich daher viele alte skandinavische Sagen, Sitten und Sprüche erhalten.  In ihrer Heimat spricht man den Shetland Ponys manchmal mystische Merkmale zu.