Gwenfair kommt!

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy
3.Folge von McDietmar

Dieses Mal: Gwendollyn hilft ihrem neuen Freund

um  Fahren  vor  der Kutsche, und das konnte sie sicher schon bald mit Gwendollyn üben. Gwendollyn machte immer geduldig mit, obgleich es Silvy manchmal erschien, als fände die kleine fuchsrote  Stute  dies  insgeheim eher belustigend.

Gwenfair zieht ein!

Was bisher geschah: Gwendollyn kommt nach Hampwylln Court und lernt Silvy kennen (1 ). Sie zieht den Nachbarsjungen Marc aus dem Wasser (2).

Nachdem Gwendollyn den Nachbarsjungen Marc gerettet hatte, waren sie alle am nächsten Sonntag von den Eltern zum Tee eingeladen worden. Da es nur eine halbe Stunde zu Fuß entfernt war, zogen sich Silvy und Tom warm an, holten Gwendollyn von der Koppel -das feuerrote Shetland Pony war ausdrücklich mit eingeladen worden- und gingen zu den Nachbarn hinüber. Dort gab es Tee und mit Scones und Clotted Cream und für den alten Tom gab es in Eichenholzfässern gereiften schottischen Malzwhisky. "Sagt mal", fragte der Nachbar Mr. McFayllan, "ich habe auch ein Shetland Pony, das recht einsam bei mir auf der Koppel herumsteht. Wollt ihr das nicht zu euch nehmen? Für Futter und Pflege zahle ich gern, wenn nur die Jungen ab und zu bei euch reiten können." Und da er einen guten Preis nannte, sagten Tom und Silvy gern zu.

Scones werden aus einem einfachen Rührteig hergestellt und schmecken besonders gut mit Clotted Cream; das ist ein Mittelding zwischen Butter und Schlagrahm und besonders fettreich.

Gwendollyn reißt sich los

Silvy  verwunderte  sich  gerade wieder einmal  über das  seltsame Funkeln  in  den  Augen  ihres Shetland  Ponys,  als  Gwendollyn plötzlich  beim  Überstreifen  des Stallhalfters ruckartig stehenblieb, mit hochgereckten  Nüstern  die Luft einsog, und ohne Vorwarnung davon galoppierte.

Verblüfft sah ihr Silvy hinterher, noch dazu als sie merkte, daß Gwendollyn in Richtung Obstgarten lief. Da sie inzwischen wußte, daß Gwendollyn einen sicheren Grund für ihr ungewöhnliches Verhalten hat, rannte sie einfach hinterher.
   

Und so kam es, daß schon am nächsten Tag noch ein Shetland Pony auf den Koppeln von Hampwylln Court stand. Es kommen viele Farben und Abzeichen bei den Shetland Ponys vor, und dieses war einbrauner Wallach mit einer schönen Blume auf der Stirn. Gwenfair, so nannte man ihn, vertrug sich vom ersten Tag an gut mit Gwendollyn. "Silvy" sagte der alte Knecht Tom, "das ist genau richtig für unsere Gwendollyn, denn allein sollte man kein Pferd stehen lassen." 

Gwendollyn konnte inzwischen perfekt vor- und rückwärts zwischen den Stangen laufen und Silvy konnte ihr Glück kaum fassen, wenn sie der fuchsroten Stute in die Augen sah, die stets vergnügt leuchteten und manchmal geheimnisvoll funkelten. 

Der neu hinzugekommene Wallach hatte sich schnell eingewöhnt. Wie Gwendollyn tollte Gwenfair gern auf der riesigen Koppel umher. Bei kurzen gemeinsamen Sprints konnte er aber nie mit ihr mithalten. Gwendollyn war immer schneller als er.

Der Koppelzaun ist morsch

Der regenreiche Sommer hatte zwar für reichlich Gras auf den Koppeln gesorgt, aber das alte Holz, das die Koppeln einzäunte, war auch an einigen Stellen morsch geworden. Und Tom kam kaum damit nach, Stangen herzurichten und die morschen Stangen und Pfosten auszutauschen. Dazu kam noch, daß manche der Pfosten im weichen Untergrund gar nicht hielten, so daß er die Pfosten viel länger als gewöhnlich 

machen mußte, oder einige Male sogar den Zaun um einige Meter versetzen mußte, um einen sicheren Untergrund zu finden.  Der regenreiche Sommer hatte außerdem zu vielen sumpfigen Stellen auf der Koppel geführt, wo nun die Frösche quakten. Auch die Obstbäume hatten gelitten, und sogar der robuste schottische Trellyn-Apfel war von den meisten Bäumen unreif abgefallen und faulte nun im Gras. Silvy hatte sich vorgenommen, am Wochenende das Fallobst aufzusammeln um zu sehen, ob sie vielleicht etwas Marmelade daraus machen konnte. Die Hafer- und Gerstenernte würde zwar knapp ausfallen, aber dafür gab es einen landwirtschaftlichen Ausgleichsfonds, der dies wieder kompensierte. Die Schafe gediehen jedenfalls prächtig und auch dem  Whisky konnte das Wetter nichts anhaben.

Was passiert nun?

Auch an diesem Abend arbeitete Silvy wie gewöhnlich mit Gwendollyn auf der kleinen Übungsbahn, die Tom für sie abgesteckt hatte. Gwenfair stand zwar meist daneben und ließ die beiden nicht aus den Augen, aber  im Moment graste er irgendwo auf der großen Koppel. Shetland Ponys brauchen, ähnlich wie das Islandpferd  eine  ziemlich  lange Entwicklungsphase, bis sie geritten werden können. Und Gwendollyn mit den 4 Jahren, die sie nun alt war, war dafür noch zu jung. Und so dachte sich Silvy immer neue Dinge aus, sie longierte Gwendollyn,  

sie baute ihr immer neue Hindernisse auf und ließ sie darum gehen oder manchmal darüber springen, sie ließ sie vorwärts und rückwärts durch  ausgelegte Stangen laufen, sie gewöhnte sie an ein Gebiß und führte sie von hinten  mit einem  extra  langen Zügel. Die letzte Übung, so hatte ihr Tom  erklärt,  sei  gut  als Vorübung  z Eine  morsche  Stange  war am Rande der Koppel abgefallen und Gwendollyn war an dieser Stelle durch den Zaun hindurch galoppiert.  Der alte  Obstgarten war groß und sie mußte erst eine Weile suchen, bis sie Gwendollyn wieder sah, ganz am anderen Ende des Gartens schnaubte sie aufgeregt und lief hin und her. Aber was sah Silvy  da!

Gwenfair  lag  naß geschwitzt am Boden, und zwickte sich  immer  wieder  in  seinen Bauch. Was sollte sie nun tun? Tom war irgendwo auf der Koppel, und sie wußte  nur vage,  daß  die Situation vielleicht sehr ernst war. 

Konnte es sein, daß Gwenfair am Ende eine Kolik bekommen hatte? Aber was tun?

 

Aber was  machte Gwendollyn? War ihr Liebling verrückt geworden?  Gwendollyn zwickte Gwenfair kräftig in das Hinterteil und stupste ihn immer wieder mit der Nase an. Und Gwenfair schien zu verstehen was ihm Gwendollyn sagen wollte, denn er mühte sich nun aufzustehen. Als er schließlich stand,  preßte  sich  Gwendollyn dicht an ihn, damit er sich nicht wieder hinlegen konnte. Gwenfair drehte sich häufig nach seinem Bauch um und scharrte mit den Hufen. Was macht Gwendollyn  jetzt? Sie  stupste Gwenfair hinten an, und da fiel es auch Silvy wieder ein, daß man bei ernsten Koliken das Pferd führen sollte.  Glücklicherweise hatte Gwendollyn noch das Stallhalfter an, das Silvy nun Gwenfair überzog und mit dem sie ihn langsam herumführte.  Und  es  wurde  ihr nun klar, daß Gwenfair sich an den unreifen Äpfeln überfressen hatte.

Sie hatte selbst schon mal unreifes Obst gegessen  und  konnte  sich vorstellen, wie sich Gwenfair nun fühlte. Und Pferde, das wußte sie, hatten einen viel empfindlicheren Magen als Menschen und konnten an einer Kolik sogar sterben.

Gwenfair hat eine Kolik bekommen

Glücklicherweise kam in diesem Moment Tom hinzu, der gesehen hatte, wie Silvy Gwendollyn hinterher  gelaufen  war.  Sachkundig hörte er die Darmgeräusche ab.

"Dem Kleinen hast du gerade das Leben   gerettet,"   seufzte er schließlich  erleichtert,  "ihr habt ihn wohl gerade erwischt, bevor es schlimmer werden  konnte.  Und mit dem Führen hast Du das schon richtig gemacht. Ganz schlecht ist es, wenn sich ein Pferd hinlegt und nicht  mehr aufstehen  will.  Und jetzt führe  ihn  einfach  langsam weiter, laß ihn auch ruhig alle 5 Minuten eine kurze Rast einlegen; sein Bauch tut ihm sicher immer noch sehr weh".

Die nächste halbe Stunde war sie nun damit beschäftigt,  Gwenfair zu führen. Tom war zurück zum Zaun gegangen,  um  ihn wenigstens  für  die  Nacht  sicher  zu verschließen.

Schließlich sah Silvy erleichtert, daß  Gwenfair  mistete.  Das,  so hatte ihr Tom erklärt, sei ein gutes Zeichen,  wenngleich  die  Gefahr damit noch nicht gebannt war.

Aber  wo  war  Gwendollyn geblieben?  "Sie wird  doch  nicht auch  unreife  Äpfel  gefressen haben" schoß es  Silvy entsetzt durch den Sinn. Aber Gwendollyn hatte  nur  das  gute  Gras  im Obstgraten genossen und lief sorgfältig um das Fallobst herum.

Gemeinsam  gingen  sie  nun zurück zur großen  Koppel,  wo Tom inzwischen den Zaun ausgebessert hatte. "Weißt Du", sagte Silvy  zu  Tom  "daß eigentlich
Gwendollyn  unseren  Gwenfair gerettet hat? Sie lief einfach zu ihm hin, und dann half sie ihm auch noch   beim   Aufstehen   und Herumgehen!"

Porridge zum Happy
End

Und wie sie es schon manchmal gesehen hatte, freute sie sich an dem geheimnisvollen Funkeln in den Augen von Gwendollyn, das sie dieses Mal ganz deutlich sah. 

Es war nun schon spät geworden, aber Silyv lud noch Tom zu sich ein, und setzte  ihm  eine  kräftiges Porridge vor, ein Gericht, das er zwar vorzugsweise  am  Morgen, gelegentlich aber auch am Abend schätzte. Und Silvy fragte Tom alles, was der über Koliken wußte,  bis es schließlich zu spät geworden war, und beide ins Bett mußten.

Porridge

Porridge ist das schottische Nationalgericht.
Zutaten sind: Hafermehl (also nicht Haferflocken!), Wasser und Salz. Man benötigt für eine Portion Porridge 1 /4 Tasse grobes Hafermehl, 1 Tasse Wasser und eine Prise Salz. Zum Rühren benötigt man noch ein "Spurtle", eine Art Holzlöffel mit abgesägter Spitze. Zunächst bringt man das Wasser zum Kochen, rührt nun das Hafermehl gleichmäßig mit dem Spurtle im Uhrzeigersinn ein, und läßt den Brei einmal aufkochen. Dann Hitze zurücknehmen und ca. 10 min. köcheln lassen, Salz hinzufügen und weitere 10 min köcheln lassen. Heiß servieren.

Die verweichlichte englische Variante verwendet übrigens Haferflocken und Zucker.

Übrigens, wer sich weiter informieren möchte, das ist ein ganz offensichtlich ein interessantes Thema: im Internet habe ich 19.173 Webseiten über dieses Thema gefunden !! (nein, ich habe nicht alle 19.173 Seiten gelesen!)