Gwendollyn auf Jagd

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy 
4.Folge von McDietmar

Diese Mal: Gwendollyn faßt einen Dieb

Wertvolles im Haupthaus

Was bisher geschah: Gwendollyn kommt  nach  Hampwylln  Court und  lernt  Silvy  kennen (1). Sie zieht den  Nachbarsjungen Marc aus dem Wasser (2). Sie rettet ihren Freund Gwenfair vor einer Kolik (3).

Gwendollyn konnte inzwischen perfekt vor- und rückwärts zwischen den Stangen laufen und Silvy wurde ab und zu ganz toll vor Glück, wenn Sie der fuchsroten Stute in die Augen sah, die stets vergnügt leuchteten und manchmal geheimnisvoll funkelten.

Nach dem Blitzschlag war das Haupthaus von Handwerkern abgedichtet worden, so daß weiterer Schäden vermieden wurde.

Den stürmischen Winter würde es überstehen, und im nächsten Frühjahr sollte dann das Dach erneuert werden. Viel vom Hausrat war eingepackt worden, und stand nun in Kartons im Salon und im Wohnzimmer des Haupthauses. Auch die wertvollen Silberbestecke mit   dem alten kostbaren Wedgewood Knochenporzellan lagerten dort in Kartons.

Knochenporzellan oder "Bone China".

Man hatte früher in Wedgewood dem Porzellan gemahlene Knochen (eben "bones") beigemischt, um damit eine besonders feine Qualität des Porzellans zu erreichen. Und Porzellan heißt in England "China", benannt nach dem Land in dem es erfunden wurde...

Ein verregneter Sommer und gefährliche Sumpflöcher 

In diesem Sommer regnete es noch mehr als sonst und die Wiesen hatten an vielen Stellen große sumpfige Stellen, die zu unsicher waren, als daß man noch hätte hindurch gehen können.

Gwendollyn vermied mit schlafwandlerischer Sicherheit diese Stellen und auch Gwenfair, der ein wenig ängstlicher war, machte einen großen Bogen um  die Sumpflöcher.

Silvy war in Sorge, daß eines der Ponys in ein Sumpfloch stürzen könnte, aber Tom beruhigte sie.

  

Das Haupthaus stand am anderen Ende des Anwesens und war nur schemenhaft zu erahnen. Inzwischen war es schon dunkel geworden, und das hieß, daß es richtig finster war, denn hier, weit entfernt von einer Stadt und immer noch weit weg vom nächsten Dorf, erhellte kein Licht und keine Straßenbeleuchtung die Nacht. 

Nur ein paar Sterne und das kleine Windlicht, das Tom aus einer alter Stallaterne gebaut hatte, brachten etwas Licht auf die Terrasse.

Ein geheimnisvolles Auto

"Weißt Du“, sagte er, "Ponys haben solch sichere natürliche Instinkte, daß sie viele Gefahren erkennen können. Und unsere Gwendollyn ist besonders schlau.

Und dann wußten sie auch nicht, wie sie die vielen Sumpfstellen hätten absichern können. Man hätte ja jede Stelle einzeln einzäunen müssen.

Eines Abends, schon gegen Ende des kurzen schottischen Sommers, saßen  Silvy und Tom auf der Terrasse, und genossen die abendliche Stille, die vom leisen Pfeifen des steten Windes untermalt wurde. Die Terrasse, hinter dem kleinen Häuschen neben dem Stal1 angebaut, war so angelegt, daß man direkt auf die Koppeln sehen konnte, die sich U-förmig bis zum Haupthaus hinzogen.Auch Fahrzeuge verirrten sich nur selten  in  diesen  abgelegenen Landstrich. Und als nun Silvy und Tom nicht weit weg ein Auto hörten, waren sie ein wenig überrascht. Aber gleich darauf war nichts mehr zu hören, so daß sie meinten, sich getäuscht zu haben.

Plötzlich hörten sie in die Stille hinein das aufgeregte Wiehern von Gwendollyn.

Tom sprang auf. "Dort“, rief Silvy, und deutete auf das Haupthaus. Hatte sie ein Schemen gesehen oder hatte sie sich getäuscht? Jetzt war sie sich aber sicher, als sie Gwendollyn sah.

Aber merkwürdig: fast sah es so aus, als jagte sie etwas. Jetzt plötzlich ein lautes Platschen und dann Stille. Tom war inzwischen ins Haus gelaufen,   um seine starke Taschenlampe zu holen.

Angsterfüllt schrie Silvy "Gwendollyn!" und stolperte in die Dunkelheit hinaus. "Warte!" rief ihr Tom zu, der Angst hatte, daß Silvy in  eines  der  Sumpflöcher  fallen könnte und ihr so schnell er konnte mit der Taschenlampe nachlief.

Aber auf der Koppel konnte man in der finsteren Nacht nichts sehen, so daß Silvy mit Tom stehen bleiben mußte. Plötzlich hörten  sie  ganz  in  der  Nähe  das Schnaufen von Gwendollyn, Platschen und dann: "Verfluchter Mist" sagte eine Männerstimme.

Und da sahen sie es im Schein der Taschenlampe: mitten in einem Sumpfloch ruderte ein Mann heftig mit den Armen, erreichte aber nur, daß er jedes Mal ein wenig tiefer versank. Und daneben stand Gwendollyn und peitschte aufgeregt mit ihrem Schweif.

Der Sumpf reichte  dem  Mann inzwischen schon bis zu den Achseln. Als der Mann dies merkte, schrie er vor Entsetzen auf "Hilfe“ rief er, "so helft mir doch! Wenn ihnen dieses Biest  gehört"  -er  deutete  auf  Gwendollyn- "dann sind sie mir ohnedies Schadenersatz schuldig. Ihr Viech hat mich über die ganze Wiese gejagt."

Als da Gwendollyn wieherte, und Silvy und Tom zu ihr hinüberschauten, sahen sie einen großen  Koffer am  Boden, direkt am Sumpfrand liegen, der aufgeplatzt war. „Das kommt mir aber sehr bekannt vor“, meinte Silvy. „Das ist doch das Wegdewood Porzellan unserer Herrschaft! Und das Silberbesteck sehe ich auch! Tom, das ist ein Einbrecher! Warte hier, ich hole gleich die Polizei!" Und weg war sie.

 

Aber nun wurde es brenzlig für den alten  Knecht. Er war ganz allein, und der Einbrecher versuchte verzweifelt aus dem Sumpfloch herauszukommen.  Dabei versank er immer weiter in den  Sumpf. "Bleiben sie ganz still!" rief Tom nun dem Mann zu. "Wenn sie sich ganz ruhig verhalten, versinken sie nicht weiter.  und ich hole inzwischen ein Stange, mit der ich Sie herausholen kann". Und, aber das dachte er nur, um ihm notfalls eins überzuziehen. So schnell er konnte lief er zur Terrasse, wo an der Seite ein paar Stangen lagen.

Als er zurückkehrte, blickte Gwendollyn immer noch grimmig zu dem Einbrecher hin, der inzwischen nur noch sehr ängstlich aussah. Doch Tom ließ sich nicht täuschen und alle Bitten des Einbrechers ihm herauszuhelfen waren vergeblich. Es dauerte nicht lange, bis die Sirene der Polizei zu hören war. Der Rest war dann Routine. Gemeinsam mit den beiden Polizisten halfen sie dem Einbrecher aus dem Sumpfloch. Silvy hatte ein paar Handtücher hergelegt, damit er sich abtrocknen konnte. Und die Polizisten brachten den Einbrecher zu nächsten Dienststelle.

Der Dieb ist gefaßt

Silvy hatte sich bei den Polizisten sehr bedankt. Da deren Dienst gleich zu Ende war, hatte sie sie für den Feierabend eingeladen. Und als sie zu Gwendollyn hinüberging, graste Gwendollyn friedlich neben Gwenfair.

Gwendollyn schaute sie an und Silvy sah wieder das geheimnisvolle Funkeln  in ihren Augen. "Also  Einbrecher fangen kannst du auch!" rief sie aus und schüttelte verwundert den Kopf.

Wenig später standen die beiden Polizisten -in Zivil- vor der Tür. Es war spät geworden und die Männer freuten sich sehr, als Silvy ihnen Atholl Brose servierte, traditionelles Getränk und Mahlzeit in einem.Als die Polizisten gegangen waren, sagte der alte Tom: „Über Gwedollyn kann ich mich gar nicht genug wundern.  Trotzdem werde ich gleich morgen anfangen, das Haupthaus  besser zu sichern. Und dazu fange ich auch gleich an, die gefährlichsten Sumpflöcher einzuzäunen. Denn ich möchte doch nicht, daß ein Pony oder auch ein Nachbarsjunge hineinfallen könnte."

Und Silvy freute sich sehr, daß ihr Pony nun sogar geholfen hat, einen Einbrecher zu verjagen.

Atholl Brose

Ein mächtiges schottisches Getränk, das aus schottischem Whisky (den irischen und amerikanischen schreibt man "Whiskey", den schottischen einfach "Whisky" oder kurz "Scotch"), Honig und Hafermehl besteht. Dazu nimmt man eine Flasche besten schottischen Malzwhisky, 4 EL dünnen Heidehonig, 4 Sherrygläser Hafermehlmus und ein Glas Sahne und gibt alles in einen Steinkrug, den man verschließt und gut schüttelt.