Gwendollyn und der Zirkus (I)

Ein Pferdemärchen über Gwendollyn und Silvy, 
6.Folge, von McDietmar

Dieses Mal: Gwendollyn übt für den Zirkus

Was bisher geschah:

Gwendollyn kommt nach Hampwylln Court und lernt Silyv kennen (1). Sie zieht den Nachbarsjungen Marc aus dem Wasser (2). Sie hilft Gwenfair bei einer Kolik(3). Sie faßt einen Dieb (4). Sie rettet das Sommerfest (5)

Der Zirkus kommt 

Im weiten Hochland Schottlands verging die Zeit manchmal recht eintönig, und so freute sich Silvy schon lange auf den kleinen Wanderzirkus, der jedes Jahr im Sommer kam, und in seinem kleinen Zelt aufregende Akrobatik, wilde Tiere, und vor allem eine immer wieder begeisternde Pferdeshow zeigte.

Die Pferdeshow wurde immer von Natascha einstudiert und vorgeführt. Natascha – die eigentlich Sue hieß-  war mit Silvy schon seit langem eng befreundet.

Meist kam Sue schon in der Woche vor den  Aufführungen an den Abenden zu Silvy, um über ihre geliebten Pferde zu plaudern. Und Silvy freute sich natürlich erst recht seit sie Gwendollyn hatte, wenn sie mit Sue über Pferde sprechen konnte. Meist hatte sie sich schon ein paar Fragen zurechtgelegt, die sie dann die erfahrene Sue fragen konnte. Und Sue half ihr gern, weil sie die stillen Abenden auf der Terrasse von Hampwylln Court mit Silvy schätzte. Und so kam es, daß sich die jungen Frauen richtig auf diese Plauderstündchen am Abend freuten.

Fällt die Pferdeshow aus? 

  So hätte es auch an diesem Abend sein können, aber es kam ganz anders. 

Mit verheulten Augen kam Sue an. „Es tut mir furchtbar leid“, sagte sie, „aber es ist ganz schrecklich. Du weißt ja, daß wir nur vier Pferde 

Festlegen: Pferde die sich beim Schlafen oder auch zum Wälzen hinlegen können sich in der Box manchmal so unter Balken, Trennwänden usw. festklemmen, so daß sie nicht mehr aufstehen können. Wenn dann das Pferd in Panik gerät, ist beim „Festliegen“ die Verletzungsgefahr groß. haben,  und meine Stute Brava  -das wichtigste Pferd in der Show- ist heute krank geworden. Du weißt, daß unsere Boxen nicht so groß sind, dafür lassen wir unsere Pferde ja auch meistens draußen im Freien. Jedenfalls hat sich Brava gestern nacht festgelegt, und beim Aufstehen dann am Rücken verletzt. Der Tierarzt war heute morgen schon da und hat die Wunde vernäht. Glücklicherweise ist es nichts schlimmes, und sie wird keinen bleibenden Schaden davontragen. Aber ich kann auf keinen Fall in den nächsten zwei bis drei Wochen einen Sattel auflegen. Und die nächsten Tage muß es ohnehin noch stehen, wegen der Antibiotika und so.“

 

Silvy bot Sue zunächst Tee an, und fragte sie dann, weshalb dies denn so schlimm sei, denn schließlich hatte der Zirkus doch vier Pferde... „Ja schon,“ schluchzte Sue, „aber ich brauche doch  Brava! Ohne sie ist die ganze Show nichts mehr wert!“ Und Sue zeigte dann Silvy das Programm, das so aussah:

Erleben Sie rassige Pferde

in einer einzigartiger Show mit der international berühmten jungen Artistin Natascha !

+       Vorstellung unserer Original Apfelschimmel in Galaausstattung 

+       Elegante Quadrille in der Manege

+       Natascha reitet im Kopfstand auf unserem Spitzenstar Brava de Oliveira

+       Brava zeigt ihr Können: Sprung durch`s Feuer

+       Natascha zeigt hohe Schule auf Brava 

+       Walzer mit Natascha und Brava

+       Große Abschlußshow mit allen Pferden

 „Verstehst Du jetzt, daß ich ohne Brava fast nichts vorführen kann!“ schluchzte Sue. „Und jetzt suche ich halt nach zwei Pferden, mit denen ich vielleicht wenigstens die Quadrille aufführen kann! Und wegen des verregneten Sommers haben wir bisher nicht so viel Geld eingenommen, so daß wir auch die nächsten Einnahmen unbedingt brauchen!“ 

 

Nichtengländer fragen sich manchmal, ob in einen original englischen Tee (Tee mit Milch) zuerst der Tee gegossen wird, oder zuerst die Milch. Natürlich wird zuerst die Milch eingegossen, denn diese vermischt sich während des  Zugießens gut mit dem Tee, was anders herum nicht so gut funktioniert.

Kann Gwendollyn aushelfen?

Da kam Silvy eine Idee: „Vielleicht kann Gwendollyn aushelfen? Außerdem habe ich doch auch Gwenfair, den wir bestimmt auch dafür nehmen können. Und zwei hübsche Shetland Ponys wären bestimmt lustig für Euer Publikum.“ Silvy redete sich in Fahrt: „Außerdem kann Gwendollyn schon ganz viel und lernt unheimlich leicht, mit ihr hast Du bestimmt einen Riesenerfolg! Und Gwendollyn wäre so eine Abwechslung sicher auch recht!“ Aber da bremste Sue und sagte: „Ich weiß ja, daß Du es wirklich gut meinst, aber von Zirkuspferden werden ganz andere Sachen verlangt, also ganz vielen Dank, aber das hat keinen Sinn. Ich werde gleich morgen früh zu einer alten Zirkusfamilie fahren, von denen wir schon mal Pferde gekauft haben, vielleicht können wir uns da eins oder zwei ausleihen. Telefoniert habe ich schon, aber sie meinten ihre Pferde seien schon sehr alt und sie wüßten nicht ob sie noch auftreten könnten, ich muß also selber vorbeischauen.

Und morgen abend sage ich Dir Bescheid, ob das geklappt hat!“

Die Frauen genossen noch ihr Abendbrot, zu dem Silvy etwas Blue Stilton mit Sherry reichte. Den ganzen Abend über ging Silvy aber Sues Problem nicht mehr aus dem Kopf. Im Geiste ließ sie sich alles durch den Kopf gehen, was sie schon mal mit Gwendollyn geübt hatte. Und so kam es, daß der alte Knecht Tom gleich am nächsten Morgen eine lange Liste mit Arbeiten vorfand, die er für Silvy machen sollte.

Blue Stilton ist ein leckerer  englischer Blauschimmelkäse, den man manchmal auch bei uns kaufen kann. Englische Ladies haben festgestellt, daß er besonders gut schmeckt, wenn man den Käse mit einem Teelöffel aushöhlt, Sherry oder Port hineingießt, und dann beides gemeinsam genießt...

Was hatte Tom gemacht?

Tom hatte den ganzen Vormittag alles vorbereitet, genauso wie es ihm Silvy aufgeschrieben hatte. Und was für sonderbare Dinge waren dabei! Aber er kannte inzwischen

Silvy lange genug, und er hatte volles Vertrauen in ihre Anweisungen, und wußte daß sie immer gut überlegt waren.

Auf der Koppel, auf der Silvy mit Gwendollyn und Gwenfair übte, und die trotz des langen Regens einigermaßen fest war, hatte er am Rand eine Reihe von Merkwürdigkeiten hingebracht:

Er hatte ein paar alte Fässer, die sie ab und zu von  der  nahegelegenen Whiskeybrennerei geschenkt bekamen, hinausgefahren. Und ein Faß hatte er zerlegt, und zu einem großen Reifen mit 6 ft Durchmesser (ungefähr 1,80m) zusammengenagelt. Nicht weit davon standen auch ein paar Eimer mit Wasser, trockenem Stroh und sogar eine Kanne Petroleum. Dann gab es noch viele Stangen, und ein paar der schweren Betonblöcke, die man an den Traktoren als Gegengewicht benutzt. Sogar ein paar der alten Balken aus dem halb abgebrannten Haupthaus hatte er mit dem Traktor herangefahren.

Als Silvy dazukam, standen Gwendollyn und Gwenfair gerade mittendrin und beschnupperten die Teile neugierig.

Gwendollyn übt für den Zirkus

Voll Vorfreude auf das ungewohnte Abenteuer war Silvy früher als sonst von ihrer Arbeit zurückgekommen. Kritisch inspizierte sie die Teile, vor allem prüfte sie den zusammengenagelten Reifen auf Festigkeit. 

Und dann ging es los. Sie wollte heute vor allem mit Gwendollyn arbeiten und sehen, ob sie mit ihr eine Zirkusnummer aufführen konnte.

Zuerst machte sie mit Gwendollyn das „Kompliment“, das schon wie geschmiert ging.

Dann ließ sie Gwendollyn um den Platz erst warmlaufen, und dann galoppieren. Und als sie sie ermutigte schnell zu laufen, wurde ihr fast schwindlig beim Zusehen. Sie war schon oft verblüfft worden über das unglaubliche Tempo, das Gwendollyn vorlegen konnte; man sah dann die Beine kaum mehr. „Wenn das in der Manege auch so klappt, dann werden die Leute bestimmt staunen“, dachte sie.

Dann besah sie sich gründlich den Reifen. Er war  massiv ausgeführt, und man konnte sich gut vorstellen, daß man daran Stroh festmachen konnte und das Stroh anzünden konnte. Und wenn Gwendollyn vorher Füße, Bauch und Schweif naß gemacht wurde, könnte sie vielleicht sogar hindurchlaufen oder –springen. Probeweise hielt sie den Reifen mit beiden Händen seitlich fest, vielleicht zwei Fußbreit über dem Boden. Gerade noch rechtzeitig sah sie aus den Augenwinkeln, daß Gwendollyn herangaloppierte, auf den Reifen zielte,  und mit einem Satz durch den Reifen sprang!  Da Silvy auch wußte wie gut Gwendollyn klettern konnte, hatte sie daran gedacht sie über einen Balken balancieren zu lassen. Tom hatte inzwischen die beiden Betonblöcke ausgerichtet, und zwei der massiven Balken darauf befestigt.  Gwendollyn besah sich den improvisierten Laufsteg, und sprang dann mit einem Satz auf den Betonblock. Kaum daß ihr Silvy noch erklären konnte, was sie von ihr wollte, war sie schon auf die Balken getreten und ging trittsicher über die Balken auf die andere Seite des Laufstegs. 

Da staunt Sue

Unbemerkt von Silvy war Sue dazugekommen. Sue war enttäuscht von ihren Bekannten zurück-gekommen, weil die beiden alten Zirkuspferde, auf die sie gehofft hatte, wirklich nicht mehr für die Manege geeignet waren. Nun sah sie Silvy bei der Arbeit mit Gwendollyn zu. Mit immer größeren Staunen hatte sie die immer neuen Übungen verfolgt,  die Silvy mit Gwendollyn auf den Balken aufführte. Jetzt probierte sie gerade, ob Gwendollyn nur auf einem der beiden massiven Balken laufen konnte, und auch das ging ohne Schwierigkeiten.

Schließlich konnte Sue nicht mehr stillhalten: „Das ist ja großartig!“ rief sie Silvy zu. „Ich glaube jetzt wirklich, daß Gwendollyn die Show retten kann!“ Silvy, die gerade noch mit Gwendollyn auf dem Balken geübt hatte, ließ Gwendollyn einfach stehen und rannte freudestrahlend auf Sue zu. Voll Stolz  berichtete sie, was sie mit Gwendollyn schon alles ausprobiert hatte. Sue staunte immer mehr: „Also das ist wirklich kein normales Pony, was Du da hast, so schnell habe ich noch nie erlebt, das ein Pferd so schwierige Übungen lernen kann.“

Als Silvy da voll Freude über dieses Lob zu Gwendollyn zurück lief, sah sie gerade noch, wie Gwendollyn mitten auf dem schmalen Balken wendete. Ungläubig  besah sie sich den schmalen Balken. Und dann sah sie  es wieder ganz deutlich, das geheimnisvolle Funkeln in den Augen von Gwendollyn.

Pläne für den Zirkusauftritt

Beide Frauen setzten sich dann noch zusammen. Und damit sie dabei nicht verhungern mußten, hatte Tom, der alte Knecht,  in der Küche heiße schottische Pfannkuchen gebacken, die er dampfend hereinbrachte und mit Silvys selbstgemachter Johannisbeermarmelade servierte. Alle ließen sich diese leckere kleine Mahlzeit gut schmecken.

Bis spät in die Nach saßen die drei noch beisammen und schmiedeten Pläne  für den Zirkusauftritt. Es war klar, daß Silvy mit Gwendollyn noch fest würde üben müssen, aber: Jetzt war Sue zuversichtlich, daß die Pferdeshow stattfinden konnte, und daß sie auf die Einnahmen aus den nächsten Vorstellungen nicht würden verzichten müssen.

Scotch Pancake  (Schottischer Pfannkuchen)

Lecker! Das Ei mit dem Zucker (2 EL) verrühren und schlagen, am besten mit einem hölzernen Löffel. Ein wenig von der Milch (insgesamt ¼ l) dazugeben. Dann alles über das gesiebte Mehl (100g) und die anderen Zutaten (1 TL Backpulver, 1 Prise Salz) geben und zu einem glatten Teig verarbeiten. Eine Pfanne einfetten und löffelweise den Teig in die Pfanne geben. Erst umdrehen sobald Blasen erscheinen. Achtung: Jede Seite braucht nur etwa 20 – 30 Sekunden.