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Das Wesen des Schamanismus

Renate Linsmeier, März 2003

 

Bewusst zu leben, beinhaltet auch die Suche nach dem eigenen spirituellen Weg. Die Rückbesinnung auf Religiosität, meditative Techniken und ein ganzheitlich orientiertes Leben, haben vor allem ein Ziel: eins mit uns selbst, unserer Seele und der Welt um uns herum zu sein.
Ein Weg von vielen zu einem erfüllten, glücklichen Leben, ist die schamanische Arbeit, die jeder von uns in seinen Alltag integrieren kann. In ihrem Mittelpunkt stehen Visionserlebnisse, die uns beschützen und uns gesund an Leib und Seele werden lassen.
Der Schamanismus, wie er sich uns heute präsentiert, ist entfrachtet von religiösem Ballast und konzentriert sich auf überkulturelle Hauptelemente.
Schamanismus – wie er heute hier verstanden wird – hat nichts mit einer Abkehr vom Alltag zu tun. Im Gegenteil, es geht darum, ihn in das tägliche Leben zu integrieren.

Im Grunde genommen ist die Fähigkeit, Schamanismus zu praktizieren universell und damit jedem Menschen eigen. Diese Fähigkeit gilt es zu entdecken und zu entwickeln. Man sollte den eigenen kulturellen Hintergrund mit einbeziehen, die ethnischen Wurzeln respektieren und ihn in Einklang mit der eigenen Kultur bringen.

Die Frage was Schamanismus eigentlich ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Aber das verhält sich oft so bei Begriffen, die nicht weniger umreißen als ein System der Weltanschauung, Lebensweise und der dazugehörigen Technik.
Der Begriff Schamanismus umfasst eine ganze Reihe von Vorstellungen, die auch vom subjektiven Erleben des Menschen abhängen, der Schamanismus definiert.

Schamanismus ist vom Grundsatz her in keiner Weise an eine bestimmte religiöse Vorstellung gebunden. Der Begriff Schamanismus stammt aus Zentralasien, genau gesagt aus der tungusischen Sprache. Er bezeichnet die Tätigkeit des Schamanen. Ethnologen waren es, die den Begriff „Schamanismus“ einführten. Heute hat sich der Weltrat der Stammesvölker dieser Namensgebung angeschlossen.

 

Gezielte Arbeit mit der Seele

Ein Schamane kann sich durch bestimmte Techniken willentlich in einen tranceähnlichen Bewusstseinszustand versetzen und in diesem bewusst handeln. Er arbeitet dabei nicht mehr auf der vordergründigen Ebene des Verstandes, sondern unmittelbar auf der seelischen.

 

Der schamanische Bewusstheitszustand

Die schamanische Trance ist am ehesten mit der Trance bei einer Mantrameditation verwandt. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte man daher nicht von schamanischer Trance, als denn vom schamanischen Bewusstheitszustand sprechen.
Ein wesentliches Kennzeichen des schamanischen Bewusstheitszustandes ist, dass man hierbei bei vollkommen klarem Verstand ist und zu jeder Zeit selbst bestimmt und gezielt handeln kann. Auch lässt sich dieser Zustand jederzeit willentlich beenden.
Damit rückt dieser schamanische B.- Zustand ihrem Wesen nach sehr nahe an das Alltagsbewusstsein, nur sind die Erlebnisinhalte deutlich andere.

 

Die viergeteilte Welt

Was genau erwartet uns nun auf unserer schamanischen Reise ?
Dazu möchte ich mit wenigen Strichen ein Bild der schamanischen Kosmologie zeichnen.
Der Schamane versteht die Welt als viergeteilt. Es gibt eine untere Welt, die Religionen wie das Christentum oder der Islam als Hölle „umfunktioniert“ haben. Und es existiert eine obere Welt, die Christen und Moslems in ihren Überlieferungen als Himmel bewerten. Auch die Naturvölker kennen eine untere und obere Welt, nur fehlt die auf Belohnung und Strafe, Gut und Böse zielende Wirkung. Die eine Welt ist nicht schlechter oder besser als die andere. Beide sind notwendig und lediglich verschieden in ihrer Art und Darstellung.
Vergleichen wir dies einmal mit einem pflanzlichen Lebewesen. Ein Baum benötigt mehrere Faktoren, wie etwa Erde und Luft, zum Leben und Gedeihen. In vielen Kulturkreisen ist er daher auch ein zentrales Symbol für die schamanischen Wirklichkeitsbereiche. Und damit wird er zum Weltenbaum, dessen Wurzeln den Erdmittelpunkt erreichen und dessen Krone bis in den Himmel ragt.

 

Die mittlere Welt

Zwischen unterer und oberer Welt liegt die mittlere Welt. Das ist die Welt, in der wir in unserem irdischen Alltag leben. Die mittlere Welt in sich ist zweigeteilt: in eine alltägliche Wirklichkeit und eine nichtalltägliche. Alltäglich sind beispielsweise Schule und Finanzamt, Urlaubsreise und Zahnarzt. Nicht alltäglich sind die Zusammenhänge und Vorstellungen hinter diesen materiell und sinnlich wahrnehmbaren Fassaden. Hier ist eine Beschreibung mit Worten schwer. Lassen Sie mich diesen Bereich grob und nicht völlig zutreffend als Seelenleben bezeichnen. Ein Beispiel soll das erläutern.

 

Alltägliche und nicht alltägliche Welt

Wenn ich den täglichen Weg zu meinem Arbeitsplatz zu Fuß, mit dem Auto oder mit der Straßenbahn zurücklege, dann tue ich das in der alltäglichen Realität der mittleren Welt. Wenn ich abends im Bett die Augen schließe und mir den Weg zur Arbeit Schritt für Schritt genau vorstelle, dann ist auch das noch alltägliche Realität. Wenn sich währenddessen aber vor meinem geistigen Auge plötzlich Ereignisse abspielen, die mit der erlebten Alltagswirklichkeit nicht übereinstimmen, wenn also an einer Straßenkreuzung plötzlich ein Gemüsehändler mit seinem Karren steht, der sonst niemals dort ist, dann ist das eine nichtalltägliche Realität in der mittleren Welt.

 

Andere Sphären – untere und obere Welt

In der unteren und der oberen Welt hingegen ist alles Erlebte nicht alltäglich. Schon ihr Aufbau macht dies deutlich. Sowohl bei der unteren Welt als auch der oberen Welt handelt es sich nicht um homogene Räume, d.h., sie sind nicht einheitlich aufgebaut und lassen sich vielfach in bestimmte Regionen unterteilen, die von uns oft auch als Sphären erlebt werden.
Alltägliche und nicht alltägliche Wirklichkeit sollten immer im richtigen Gleichgewicht zueinander stehen. Nur so erhalten wir uns unsere seelische und emotionale Gesundheit. Wenn wir also zu Reisenden zwischen den Welten werden und schamanisch arbeiten, so sollten wir unsere spirituellen Bemühungen mit Bedacht, Umsicht und Selbstbewusstsein in unser irdisches Leben einbauen, ohne jedoch die Anforderungen unseres Alltagslebens an und als Gemeinwesen in einer vielschichtigen Gesellschaft zu vernachlässigen.


Auszüge aus „Heilbuch der Schamanen“ von Felix R. Paturi
Weitere Literaturhinweise:
Indianische Heilgeheimnisse – Gerhard Buzzi
Der Schamane in uns – Paul Uccusic
Heimkehr der Seele – Sandra Ingermann u.v.m.
 

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